Now Reading
Rekord für Schaumburg: Marc Steinsiek, der 35 x 90 Minuten-Mann

Rekord für Schaumburg: Marc Steinsiek, der 35 x 90 Minuten-Mann

Foto: Glückwunsch an Marc Steinsiek: Der Linksverteidiger des SC Auetal ist der 35 x 90 Minuten-Mann.


Text und Fotos von Ernst Siepmann

Fußball. „Er läuft und läuft und läuft!“ Dieser Werbeslogan von Volkswagen wurde zur Legende. Stammt von 1968 und betonte die Robustheit des VW-Käfers. Nicht aufmerksamkeitsheischend. Doch langlebig, zuverlässig, verlässlich, treu. Quasi unzerstörbar. Da weiß man, was man hat! Gleiches gilt für Marc Steinsiek, den Linksverteidiger des SC Auetal.  Der Club absolvierte 35 Pflichtspiele. Dreißig in der ersten Kreisklasse. Fünf im Kreispokal. Bis ins Finale. Und Marc Steinsiek? Jede Minute dabei. Nie ausgewechselt. Stets leistungsstark. Er läuft und läuft und läuft.

Auetals Trainer Marco Gregor hält große Stücke von Marc Steinsiek.

„Kann mich nicht entsinnen, dass einer die ganze Saison komplett durchgespielt hat“, kramt Marco Gregor, Steinsieks Trainer beim SC Auetal, in den Windungen des Hirns. „Aber ich bin auch nicht mehr der Jüngste und mein Gedächtnis ist nicht das Beste. So will ich mich nicht festlegen. Aber Marc Steinsiek hat gar keine andere Wahl. Es sei denn, er nähme sich selbst aus dem Spiel. Mit einem Festival an Gelben Karten oder wenn er den gegnerischen Betreuer in die Aue schubst. Ich sage das mit einem Augenzwinkern. Wenn ich mich recht erinnere, gab es nur eine Gelbe Karte für ihn dieser Saison. Marc verfügt über einen enormen Einsatzwillen und bringt die Leidenschaft zum Fußball mit. Das ist bemerkenswert, er ist beruflich ja stark eingespannt. Aber das ist eine Generation, die noch Bock hat! Flo Meyer, Marc Steinsiek & Co. sind fußballgeile Typen. Dann wird der Urlaub nicht mal so gelegt, wie‘s gerade passt. Für diese Leute gilt: Wenn Fußball ist, ist Fußball!“

Natürlich gehört zu dem Rekord, in allen 35 Pflichtspielen komplett dabei zu sein, auch etwas Glück dazu. Kein Tritt ins Mäuseloch am Strafraum und dem folgenden Schmerzensschrei. Keine Blutgrätsche des Gegenspielers mit Knochenbruch und Krankenhaus. Kein Trainer, der dem letzten Bankdrücker auch eine Höflichkeit erweisen möchte und ihn für Steinsiek in der Schlussminute einwechselt.  Also liegt es auch an Marco Gregor, dass Steinsiek den Rekord hier feiern durfte. Doch für den Trainer stellte sich diese Überlegung nicht. „Ich hatte nie vor, Marc Steinsiek auszuwechseln. So etwas kann ich sehr viel später machen. Wenn Marc in zehn Jahren ans Aufhören mal denken sollte. Dann darf er zwei Minuten vor dem Abpfiff auf der Bank Platz nehmen. Doch bis dahin kann Marc Steinsiek weiterspielen. Jede Saison, jede Minute.“

Keine Minute verpasste der Dauerbrenner des Kreisliga-Aufsteigers.

Marc Steinsiek gilt als ein Beispiel für Vereinstreue. „Ich stamme aus Bernsen, begann 2000 im Alter von fünf Jahren beim TuS Rehren, der dann ja in den SC Auetal aufging. Im Herrenbereich spiele ich seit 14 Jahren. Begonnen hat es auf der linken Außenbahn, im Mittelfeld. Als Marco Gregor 2015 Trainer an der Aue wurde, stellte er mich weiter vorne auf, an die Seite von Samer Mahmo. Das hat gut geklappt. Ich traf auch ordentlich. Zwei Jahre später wurde ich dann auf die Sechs geschoben. Doch mittlerweile bin ich wieder auf der linken Seite angekommen und spiele seit einigen Jahren linker Verteidiger.“

Fragen wir Marc Steinsiek nach dem schönsten und dem traurigsten Erlebnis in diesen 35 Pflichtspielen, fällt seine Antwort eindeutig aus. „Das schönste Erlebnis ist die Saison an sich. Wir spielten wie aus einem Guss! Hatten ein super Team, eine gute Gemeinschaft, in der auch alle mitzogen. Dass wir ungefährdet den Aufstieg holten und die Meisterschaft einfuhren, sagt alles. Ein spezielles Spiel sticht nicht hervor. Natürlich hätten wir die Saison mit einem Sieg im Kreispokalfinale krönen können. Leider hat das nicht geklappt. 2022 lief es andersherum. Wir standen ebenfalls im Finale, damals gegen Hevesen. Der Gegner hätte bis zur Pause mit 2:0 oder 3:0 führen müssen. Doch sie ließen es bei einer knappen Führung. Anschließend drehten wir das Spiel, siegten mit 2:1. Jetzt, letzten Monat im Finale gegen Exten, hätten wir zur Halbzeit mit 2:0 führen müssen. Haben wir nicht hingekriegt. Exten kam durch zwei Standards dann zum Erfolg. So ein Erlebnis hätte ich mir gern erspart. Auf diese Weise konnte ich nun beide Seiten kennenlernen. So ist Fußball!“

Der 31-Jährige ist auch sehr kopfballstark.

Steinsiek weiter: „Die Niederlage im Pokalfinale werte ich nicht als das traurigste Erlebnis. Viel emotionaler wirkt der Abschied von Flo Meyer, mit dem ich all meine 14 Herrenjahre bestreiten durfte. Eine so lange Zeit prägt und verbindet. Als Florian am letzten Spieltag in der 89. Minute ausgewechselt wurde, hat mich das tief berührt.  Flo war nicht nur Mitspieler für mich, auch einer meiner besten Kumpel. Gemeinsam an der Obersburg hatten wir alles erlebt. Gute wie schlechte Zeiten. Natürlich ist jeder fußballerisch ersetzbar. Auch ohne Flo Meyer wird es weitergehen. Aber, was schwer wiegt, unser Kapitän hinterlässt auch in der Kabine eine Riesen-Lücke. Menschlich und charakterlich.“

35 Pflichtspiele – und jede Minute auf dem Platz. Gab es das schon einmal bei Marc Steinsiek? „Nein, eine Saison mit ununterbrochenem Einsatz hatte ich noch nie. Natürlich war ich immer Stammspieler. Auf die Jahre verteilt gab es auch kleinere Verletzungen. Mal ein Bänderriss, dann ein Muskelfaserriss. Doch in jüngster Zeit sind die Verletzungen dann ausgeblieben. Auch mich wundert, dass ich jede Minute gespielt habe. Dass wir diese Saison mit dem Aufstieg krönen konnten, freut mich dann umso mehr.“ Gab es auch Spiele, bei denen Steinsiek dachte, er könnte eine Pause brauchen? Die Überlegung geht ins Leere. „Ein Spiel, bei dem ich kräftemäßig fertig war, gab es tatsächlich nicht. Es ist ja eine Wechselwirkung. Indem ich jedes Spiel gemacht habe, erarbeitete ich mir eine gute Kondition. Gewiss gibt es auch kräftezehrende Partien, wie in der Rückrunde in Möllenbeck, als uns über das ganze Spiel kein Treffer glücken wollte. Wir liefen den tiefstehenden Gegner immer wieder an. Mussten lange Rückwege machen und uns anschließend vorne wieder aufreiben. Da wird es in den Zweikämpfen anstrengend.“ In der Nachspielzeit gelang den Aue-Kickern doch noch das Siegtor für den 1:0-Erfolg. „Gegen uns spielen die Gegner körperbetont. Nach solchen Begegnungen ist man richtig kaputt. Aber Marco Gregor trainiert so, dass wir auch in den letzten zehn Minuten Luft haben und solche Spiele dann durchdrücken. Daher musste ich nie betteln, dass er mich auswechselt.“

Kein Vorbeikommen: Steinsiek macht die linke Seite des SCA dicht. Das bekommt der Extener Dominic Heitmann zu spüren.

Wir wollen zugeben, dass sich in anderen Vereinen gewiss die gleichen Typen wie Marc Steinsiek befinden. Leute, stets präsent für ihren Club, sich aufreiben und gleichfalls lange Einsatzzeiten aufweisen. Aber sie kommen an Marc Steinsiek nicht heran. Das ist kein böser Wille und nicht ihr Fehler. Die Antwort scheint banal: Falscher Verein, falsche Saison. Denn Marc Steinsiek, der 35 x 90 Minuten-Mann, bringt einen Vorteil mit. Sein Club, der SC Auetal, spielte die Wettbewerbe komplett durch. 30 Spiele in der 1. Kreisklasse bis hin zur Meisterschaft. Dann alles weggehauen im Pokal, zumindest bis in das Finale.

Die Spieler bei den anderen Vereinen haben hier das Nachsehen. Nehmen wir die Bezirksliga als Beispiel. Auch 30 Ligaspiele, passt! Doch dann kommt der Bezirkspokal, in dem Rinteln oder Enzen oder wie sie alle heißen recht früh scheitern.  Um steinsieksches Niveau zu schaffen, wären fünf Runden zu überstehen gewesen. Natürlich stets mit der Voraussetzung, in ALLEN Spielen ohne Auswechselung dabei zu sein. Evesen, als beste Schaumburger Bezirkspokalvertreter, schaffte es „nur“ bis in das Achtelfinale. Selbstverständlich ist das eine starke Leistung.  Macht aber in Summe 34 Spiele für Evesen. Nicht 35. Und keine Chance, selbst bestwillig Marc Steinsiek zu erreichen.

Steinsiek nimmt seinen Kumpel Florian Meyer in den Arm. Der SCA-Kapitän beendete seine Karriere.

Doch was ist mit dem Zweitplatzierten aus der Kreisliga, der die Relegationsrunde Richtung Bezirksliga bestreitet und so zwei Bonusspiele einzubringen weiß? Im aktuellen Fall der SV Obernkirchen. 30-Mal in der Liga tätig, dazu die beiden Bonusspiele, dann noch der Kreispokal. Doch dumm gelaufen für den SVO. Direkt beim ersten Einsatz flogen die Gelb-Schwarzen aus dem Wettbewerb. Pikanterweise nach einer 1:2 Niederlage beim SC Auetal. Die Aue-Kicker selbstverständlich mit Marc Steinsiek, dem 35 x 90 Minuten-Mann. Der SVO kam aber nur auf 33 Spiele.

Aber es gibt eine Mannschaft, deren Akteure könnten mit Marc Steinsiek gleichziehen. Es sind die Blau-Weißen Wölffe. Das graue Raubtier, gut vertraut mit Rotkäppchen und auch den sieben Geißlein, jedoch mit „Doppel-Eff“ geschrieben. Benannt nach ihrem Trainer Uwe Wolff. Manche Sportfreunde kennen sie als „TSV Eintracht Exten“. Auch diese Wölffe wilderten durch die 1. Kreisklasse in 30 Spielen, bissen sich bis in das Kreispokalfinale vor (auch 5 Spiele) und fraßen dort den SC Auetal. Macht gleichfalls 35 Pflichtspiele. Tatsächlich gibt es dort einen Typen von steinsiekschen Ausmaßen, der dem Auetaler Linksverteidiger lange Zeit Paroli bot. Sein Name: Jonas Hunze.

„Jonas Hunze ist der stille Anführer des TSV Eintracht Exten. Ein sehr ruhiger Vertreter mit einem guten Auge für die Mitspieler“, beschreibt Sebastian Blaumann den Extener Giganten. Blaumann, Betreiber von Rinteln-Sport und Kenner der Szene, muss es wissen. Im Dezember widmete er dem 30-Jährigen ein ausführliches Portrait. „Ein Kapitän und Führungsspieler, der ein blau-weißes Herz in seiner Brust trägt und Exten bis zum Karriere-Ende die Treue halten wird“, so Blaumanns Wertung. Was Marc Steinsiek in Rot-Grün ist Hunze quasi in Blau-Weiß. Tatsächlich war Extens Mittelfeldmann bis zum 22. März gleichfalls in jedem Spiel von Anfang an dabei. Im gleichen Zeitfenster wie Steinsiek. Doch dann ging Hunzes Fenster zu. Bei einer 3:1 Führung in Möllenbeck macht er in der 71. Minute Platz für Aimene Khalil. In der restlichen Saison gab es zwei weitere Auswechslungen. In den Ligaspielen gegen Ahnsen und Lauenau fehlte Hunze ganz.

Steinsiek wird Meyer nicht nur auf dem Feld, sondern als Mensch in der Kabine vermissen.

Keine Frage, der steinsieksche Rekord wäre auch Jonas Hunze zu gönnen gewesen. „Er ist Bestandteil unserer Doppel-Sechs, dazu Kapitän und Mitglied des Mannschaftsrats“, schildert Trainer Uwe Wolff seinen erfahrenen Akteur. „Jonas besticht mit seiner Ruhe. Ihn zu provozieren ist genauso schwer, als wolle man einen Eiswürfel anzünden. Das wird nicht funktionieren! Für uns ist Jonas Hunze ein ganz wichtiger Spieler. Verletzungsfrei und mit der Power, alle 35 Spiele durchzuziehen. Ob er dann 90 Minuten auf dem Platz ist, hängt von der Situation ab. Ich erinnere mich an das vorletzte Saisonspiel gegen Hevesen II, als ich ihn auswechselte. Wir hatten alle Wettbewerbe schon gespielt. Da wollte ich ihm eine Auszeit gönnen und einem anderen mehr Einsatzzeiten zusichern. Aber es stimmt, Jonas hat in zwei Spielen gefehlt. Das merkte man bei uns sofort. Doch der Grund des Fehlens leuchtet ein. Jonas war für seine Firma auf einer Geschäftsreise in den USA. Das Unternehmen hat mehrere Filialen und bot die Möglichkeit, im Ausland ins Geschäft hineinzuschnuppern. So etwas darf sich kein junger, aufstrebender Mensch entgehen lassen! Aber es waren nur zwei Spieltage. Ich bin froh, dass am Ende alles gut für uns ausgegangen ist.“

So ist es. Ende gut, alles gut! Marc Steinsiek präsentierte sich als Unverwüstlicher, als 35 x 90 Minuten-Mann. Plus ungestoppter Nachspielzeit. Rekord für Schaumburg! Meister in der 1. Kreisklasse und Aufsteiger. Und Jonas Hunze, der Leitwolff der Blau-Weißen aus Exten? Aus gleichem Holz geschnitzt. Ebenso ein Dauerbrenner. Kreispokalsieger und Kapitän der besten Mannschaft in der Rückrunde. Natürlich mit den gleichen Eigenschaften wie Marc Steinsiek. Auch Hunze hätte diese Zeit geschafft.  Hat er aber nicht. Weil Trainer Uwe Wolff Mitleid mit seinen Bankgefährten hatte und Hunze kurzweilig an Dollar-Scheinen schnuppern durfte. Ein Duft der weiten Welt mit Fingerzeig, dass es sogar ein Leben nach dem Fußball gibt.

Auch ein Dauerbrenner, aber Jonas Hunze vom TSV Eintracht Exten kann die Rekordmarke von Steinsiek nicht knacken.